Novembersommer

Roman
von
Andreas Eschbach


1

»Heute zeige ich euch, wie ihr sterben werdet«, sagte der junge Mann mit der auffallend grellgrün gefärbten Haarsträhne.

Dann tippte er auf STOP, setzte die Aufnahme ein Stück zurück, drückte auf PLAY und beugte sich über den Monitor.

Das klassische Ringlicht rund um das Objektiv der Kamera kam gut, spiegelte sich auf eine Weise in seinen Augen, die professionell wirkte. Seine grüne Strähne war unübersehbar, genau wie das Banner mit dem Logo im Hintergrund – sehr gut. Durch das Fenster an der Rückwand des Containers fiel genug Licht, um den Hintergrund zu erhellen, aber nicht zu viel, gerade richtig. Und sein Englisch klang okay. Mit deutschem Akzent, logisch, aber nicht schlimm.

Er sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten und dreizehn Sekunden.

Dann fiel ihm wieder ein, was er gleich tun würde, und er holte unwillkürlich tief Luft, spürte ein mächtiges und zugleich erbärmliches Zittern in der Tiefe seines Körpers.

Nur jetzt nicht schwach werden! Er würde das durchziehen. Er
musste. Es ging darum, die Menschheit zu retten. Dafür ein Opfer zu bringen war … heroisch.

Noch neun Minuten und zweiundfünfzig Sekunden.

Obwohl er den Zustand des Containers schon zweimal überprüft hatte, sprang er auf und ging alles noch einmal ab. Alle Belüftungsöffnungen waren verschlossen. Die Dichtungsgummis der Tür: makellos. Das Glas in den Fenstern hatte er durch Panzerglas ersetzt; das zu bekommen war fast der schwierigste Teil des Ganzen gewesen.

Der Internetanschluss: stabil, die beste Leitung, die für Geld zu kriegen war. Die Geräte liefen, und damit ihm keiner der in letzter Zeit immer häufigeren Stromausfälle Probleme machen konnte, hatte er sie an eine Pufferbatterie gehängt, eine USV, eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, mehr als ausreichend für die gesamte Dauer der Sendung.

Ausreichend für –

Nicht drüber nachdenken. Tun!

Er setzte sich wieder hin, vergewisserte sich, dass er immer noch an der richtigen Stelle saß. Das Manuskript lag bereit. Die ersten Sätze hatte er wieder und wieder geübt; er hätte sie im Schlaf hersagen können.

Noch drei Minuten und zwei Sekunden.

Er zupfte das Foto eines scheu dreinblickenden Mädchens aus der Klammer, in der er es direkt über der Kamera platziert hatte, und küsste es. »Für dich, Josephine«, flüsterte er dabei. »Für dich tu ich das.«

Dann befestigte er es wieder in der Klammer.

Schloss einen Moment die Augen, atmete dreimal tief und langsam durch. Öffnete die Augen wieder und wartete, bis die Uhr noch zwei Minuten anzeigte.

Er hatte alles genau berechnet. Zwei Minuten vorher war der Moment, sich zu erheben, die schwere Tür aufzuziehen und mit einem Fuß auf den Gitterrost des Treppenaufgangs zu treten. Direkt neben der Tür hatte er die Gasflasche befestigt, von der ein Schlauch ins Innere des Containers führte. Er drehte den Verschluss auf, hörte es zischen, drehte die Schraube noch ein Stück weiter, bis die Markierung darauf mit der Markierung am Rand übereinstimmte. Das war entscheidend. Dass genau die berechnete Menge einströmte.

Dann trat er zurück ins Innere des Containers, zog das Holzstück zurück, das die Tür bis jetzt gesichert hatte, und sah zu, wie sie ins Schloss fiel, mit einem dumpfen Schlag und unwiderruflich, denn er hatte den inneren Öffnungsmechanismus komplett entfernt.

Ab jetzt gab es keinen Weg zurück.

Hinter einer achtzig auf achtzig Zentimeter großen Stahlplatte, die er mit vierundzwanzig Winkeleisen als Abstandhalter an die Seitenwand geschweißt hatte, hörte er die Düse zischen. Sie war so konstruiert, dass es unmöglich war, sie von innen zu verstopfen.

Alles genau berechnet. Kein Weg zurück.

Er spürte seinen Mund trocken werden. Setzte sich wieder, nahm einen Schluck Wasser aus der Flasche, rückte den Stuhl einmal mehr genau auf die Markierungen am Boden.

Dieses Zischen … Hoffentlich war es nicht zu laut.

Hoffentlich hatte er sich nicht verrechnet.

Zehn Sekunden noch. Fünf.

Dann erschienen die Worte
You’re on air! auf dem Schirm, rot unterlegt.

Sieben Millionen Zuschauer sahen ihn nun. Jetzt galt es. Er setzte ein Lächeln auf, öffnete den Mund, und die Worte, die er so oft geübt hatte, kamen wie von selbst..

»Hello, my Name is Gabriel Funke. Today I’ll show you how you all will die.«





Ab 28. September 2026:
"Novembersommer"
Roman von Andreas Eschbach
Lübbe-Verlag, Köln
ISBN 978-3-7577-0240-3




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