Die Lesereise muss leider ausfallen
In der Vergangenheit war ich in meinen Lesungen bisweilen stimmlich gehandicapt: Eine Vielzahl vorausgegangener Veranstaltungen, dazu volle Züge, windige Bahnsteige, überhitzte oder unterkühlte Hotelzimmer, all das hat manchmal dazu geführt, dass mir wohlmeinende Zuhörer beim anschließenden Signieren Hustenbonbons und andere Wohltaten zugesteckt haben, und zusammen mit viel warmem Tee und dem einen oder anderen Helferlein aus der nächsten Apotheke habe ich in der Regel letztlich die Kurve gekriegt.
Diesmal jedoch war es anders. Ich bin am Freitagmorgen wohlgemut auf die Buchmesse gegangen, habe mich mit den Leuten vom Verlag unterhalten, mit Kollegen der schreibenden Zunft, mit Fans, habe Bücher signiert, war guter Dinge und freute mich auf die vor mir liegende Reise, die mich ja, wie man weiter unten noch lesen kann, an für mich besondere Orte führen sollte und insgesamt sehr schön zu werden versprach, zumal das Echo auf meinen neuen Roman bislang überwiegend positiv war. Am Freitagnachmittag um 16 Uhr 30 hatte ich meinen ersten Termin, der mich auf eine Bühne führen sollte, ein Gespräch über "Novembersommer" im Speziellen und über die Hörspiele allgemein.
Eine halbe Stunde vorher spürte ich plötzlich einen seltsamen Kloß im Hals. Ich bat die guten Feen vom Stand-Catering um einen heißen Tee und bekam einen frischen Ingwer-Tee mit Honig, normalerweise die Allzweckwaffe schlechthin gegen alle Unholde im Rachenraum. Allein, es half nichts –
um 16 Uhr 30 war meine Stimme quasi weg; ich konnte nur noch krächzen, und auch das nicht richtig. Frau Kaiser, die Leiterin der Abteilung Audio bei Lübbe, übernahm den größten Teil des Gesprächs, ohnehin gab es natürlich Hörproben des Audiobooks zu hören, und ich musste mir nur eine Handvoll Sätze abringen.
Nach der nachfolgenden Signierrunde verließ ich die Messe, raste zur nächsten Apotheke und deckte mich mit allem ein, was die Apothekerin mir empfehlen konnte, um den "Frosch im Hals" dazu zu bewegen, wieder hinauszuhüpfen. Tat er aber nicht. Nach einer unruhigen Nacht war es am nächsten Tag noch schlimmer, ich konnte fast nur noch flüstern. Allmählich verdichtete sich die Gewissheit, dass meine Stimme auch bis zum Montagabend nicht zurückkehren würde. Unmöglich, unter diesen Umständen die Lesereise anzutreten. Schließlich trafen wir schweren Herzens die Entscheidung, sie abzusagen und mich auf schnellstem Wege wieder nach Hause zu befördern, was dann am Sonntag möglich war dank findiger Mitarbeiterinnen eines Kölner Reisebüros, die auf die Schnelle tatsächlich noch eine Zugverbindung aufgestöbert haben.
Ich schreibe dies am Abend des 12. Oktober, etwa zu der Zeit, zu der die erste Lesung hätte stattfinden sollen, und obwohl es mir schrecklich leid tut, dass sie das nicht tut, muss ich doch sagen, es war die richtige Entscheidung, denn meine Stimme ist tatsächlich immer noch weg.
Wie geht es weiter? Wir haben vor, die Lesereise im nächsten Jahr nachzuholen, aber mehr als diese Absicht gibt es noch nicht. Zuallererst muss meine Stimme wiederkommen, ohne das geht natürlich gar nichts. Wobei die Vorstellung, sie könnte einfach wegbleiben, etwas Gruseliges hat – man macht sich normalerweise gar nicht klar, was für eine zentrale Rolle es im Leben spielt, einfach aussprechen zu können, was einem durch den Kopf geht. Also, Daumen dürfen gedrückt werden!