Provinzielle Verlage, global agierende Selfpublisher

Was mir seit einiger Zeit auffällt, was ich aber noch nirgends thematisiert gefunden habe: In einer Zeit, in der sich der Buchmarkt grundlegend wandelt und Selfpublisher von ihrem Wohnzimmertisch aus als global player auf den Weltmarkt treten, scheint bei etlichen altehrwürdigen, renommierten Verlage verstärkt provinzielles Denken um sich zu greifen. Anders kann ich mir nachfolgende Beobachtungen nicht erklären.

Die Story von Anfang an:

Vor einiger Zeit wandelte mich die Lust an, den damals aufgrund der Verfilmung aktuellen Thriller "Gone Girl" zu lesen. Weil mein Thriller-Regal schon seit geraumer Zeit aus allen Nähten platzt, wollte ich das Buch in elektronischer Form erwerben: Ich griff also nach meinem Kindle, rief den Amazon Store auf und suchte das Buch.

Und – fand es nicht.

Man muss dazu wissen, dass, wenn man als Kindle-Besitzer außerhalb Deutschlands lebt, man mit seinem Gerät bzw. Account nicht auf den deutschen Amazon-Shop zugreifen kann. Mein Kindle war, als er kam, auf den amerikanischen Shop eingestellt, und ich könnte, wenn ich wollte, zum französischen Shop wechseln – das sind die Optionen. Warum das so sein muss, hat mir bis jetzt noch niemand erklären können (vermutlich hat es etwas mit der amerikanischen Sichtweise auf den Rest der Welt zu tun), andererseits stellte das bis dahin kein Problem dar, da sich alle deutschsprachigen Bücher auch in amerikanischen Shop fanden und, was gedruckte Bücher anbelangt, auch immer noch finden.

Nur, wie gesagt, "Gone Girl" nicht. Jedenfalls nicht als eBook.

Ich vergewisserte mich, dass es das Buch grundsätzlich als eBook gab: Ja, war so ausgewiesen, nur eben für mich nicht zugreifbar. Als Hörbuch-Download hätte ich es haben können (wollte ich aber nicht; Hörbücher sind nicht so mein Ding). Und als gedrucktes Buch natürlich. Nur eben als eBook nicht. (Übrigens auch nicht in irgendeinem anderen Shop, jedenfalls nicht auf eine Weise, die es mir erlaubt hätte, die Datei zu erwerben und dann so umzuwandeln, dass ich sie auf meinen Kindle übertragen könnte.)

Zuerst hielt ich das für eine der Pannen, wie sie in der IT ja vorkommen. Ich wartete eine Weile, sah wieder nach – nein, immer noch kein "Gone Girl (German Edition)" zu finden.

Daraufhin schrieb ich eine Email an den S. Fischer Verlag, den deutschen Herausgeber, ob das ein Versehen sei und wenn nein, warum man das Buch nicht international verfügbar mache; schließlich sei ich ja nicht der einzige Deutsche, der im Ausland lebt und gern deutsche Bücher kaufen möchte. (An dieser Stelle sei ausdrücklich gelobt, dass von allen Unternehmen, die Dinge an Besteller versenden, Antiquariate die wenigsten Probleme damit haben, Menschen irgendwo auf diesem Planeten zu beliefern.)

Ich bekam keine Antwort.

Wenig später ergab es sich in einem anderen Zusammenhang, dass ich mit jemandem vom S. Fischer Verlag kommunizierte, und bei der Gelegenheit fragte ich denjenigen, was es mit dieser internationalen Nichtverfügbarkeit auf sich habe. Da dachte ich noch, vielleicht läuft hinter den Kulissen einer von diesen Streits um Konditionen und Prozente zwischen Amazon und den Verlagen, von dem ich nur noch nichts gehört hatte. Aber auch hier bekam ich keine verlässliche Auskunft, sondern nur Mutmaßungen. Vielleicht, meinte derjenige, habe es etwas mit der Rechtelage zu tun.

Das kann im Prinzip sogar sein – ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das ein unüberwindbares Problem darstellt. Zunächst: Wenn ein Verlag die Übersetzungsrechte an einem Roman erwirbt, dann erwirbt er damit nicht das Recht, das übersetzte Buch in einem bestimmten Land zu verkaufen, sondern in einem bestimmten Sprachraum. Das ist nicht dasselbe. Ein rumänischer Verlag, der die rumänischen Übersetzungsrechte für einen meiner Romane erwirbt, darf den Roman überall auf der Welt verkaufen, aber eben nur in rumänischer Sprache. Dafür darf das kein anderer tun.

Was weitergehende Rechte anbelangt – und eBook-Ausgaben gehören dazu ebenso wie Taschenbuchausgaben, Verfilmungen usw. –, muss man in der Tat auch jeweils Absprachen treffen, aber selbst wenn diese fehlen würden (was hier nicht der Fall ist, da es das fragliche Buch ja grundsätzlich als eBook-Ausgabe gibt), macht man in so einem Fall ein simples Addendum zum Vertrag, was eine Seite Vertragstext und ein paar Unterschriften kostet und im Nu vom Tisch ist. Schließlich treffen sich in diesem Fall für gewöhnlich die Interessen von Autor und Verlag aufs Beste: Ich kenne keinen Autor, der etwas dagegen hätte, mehr von seinen Büchern zu verkaufen. Und "Gone Girl" war ein Bestseller, wurde verfilmt usw., das heißt, wir reden hier auch nicht von einem Buch, für das sich die Mühe nicht lohnen würde.

Danach fiel mir immer öfter auf, dass immer mehr Bücher renommierter Verlage zwar auch als eBooks erscheinen, aber nicht an Orten, wo sie für mich erhältlich wären. Zu meinen regelmäßigen Abendvergnügungen gehört seit langem, mich mit der jeweils neuesten Ausgabe des Bücher-Magazins und meinem Kindle aufs Sofa zu legen, durch das Magazin zu schmökern und immer dann, wenn die Beschreibung eines Buches interessant klingt, die dazugehörige Leseprobe herunterzuladen, anzulesen und das Buch danach, je nachdem, zu verwerfen oder auf meine Wunschliste zu setzen. (Spontankäufe vermeide ich nach Kräften.) Dieses Vergnügen wird mir in letzter Zeit zunehmend durch dasselbe Phänomen vergällt: Unter Autor, Titel, ISBN und Preis steht immer öfter zwar "Auch als eBook erhältlich", aber wenn ich es dann suche, finde ich es nicht.

Und zwar sind es immer dieselben Verlage, bei denen das vorkommt. S. Fischer Verlag. Rowohlt Verlag. Hanser Verlag. Und noch ein paar; ich habe noch keine Liste angelegt. Aber es sind jedenfalls renommierte Verlage. Verlage, von denen man annehmen darf, dass sie ihr Geschäft verstehen.

Ist es denn schwierig, ein eBook im amerikanischen Amazon-Shop einzustellen? Aufwendig? Nein. Man google ein wenig nach Informationen für Selfpublisher, dann sieht man, dass es die unaufwendigste Sache ist, die man sich vorstellen kann: Man kreuzt das entsprechende Kästchen an, setzt einen Preis fest – fertig.

Und tatsächlich ist es so, dass ich nie Probleme hatte, Bücher von Selfpublishern zu finden! Die Bücher von Selfpublishern sind praktisch alle überall auf der Welt erhältlich. Selfpublisher sind allesamt global player – im Gegensatz zu Verlagen wie S. Fischer und Rowohlt! Ist das nicht erstaunlich?

Natürlich gibt es auch renommierte Verlage, die global player sind, allen voran mein eigener, die Lübbe-Verlagsgruppe. Wenn ich die eBook-Ausgabe eines Buches suche, die bei Lübbe erschienen ist, dann weiß ich, dass ich sie finde. (Lübbe gehört übrigens auch zu den ersten Verlagen, die sich nicht mehr darauf beschränken, Übersetzungslizenzen zu verkaufen, sondern mit eigenen Übersetzungen auf den elektronischen Weltmarkt gehen – dank dessen gibt es z.B. meinen Roman "Eine Billion Dollar" auch in Englisch.)

Warum dieses provinzielle Denken bei Verlagen, von denen man eigentlich anderes erwartet hätte? Eine Weile hatte ich den Verdacht, dass dahinter eine grundsätzliche Abneigung gegen das elektronische Buch stecken könnte (wozu auch passen würde, dass die eBooks dieser Verlage fast immer genauso viel kosten wie die Druckausgabe oder sogar mehr, d.h. dass man die ersparten Kosten für Papier, Druck und Bindung – die etwa 20% des Preises eines gedruckten Buches ausmachen – nicht weitergibt) und das Ganze ein Versuch war, dem gedruckten Buch eine stärkere Position zu verschaffen, denn, wie gesagt, in gedruckter Form könnte ich "Gone Girl" ja kaufen, überall. Ich wäre als im Ausland lebender Deutscher also nicht grundsätzlich vom Zugang zu diesem Buch ausgeschlossen, ich müsste mich eben nur etwas flexibler hinsichtlich des Mediums zeigen.

Dann entdeckte ich, dass Rowohlt eine Reihe gestartet hat, die "eBook-only" heißt. Bücher – darunter einige interessant klingende Titel –, die nur in elektronischer Form zu haben sind.

Aber nicht, wenn man außerhalb Deutschlands lebt.

Seither habe ich keine Theorie mehr, was hinter dieser Provinzialität stecken könnte. Außer eben – Provinzialität.