Épinal: doch noch ein kleiner Bericht

Es ist schon eine Weile her, aber da ist noch dieses schöne Foto, das Nina Blazon von mir gemacht hat, gerade in dem Moment, als die Monster kamen …

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Okay, beginnen wir ganz am Anfang: In Épinal findet alljährlich im Mai ein großes Festival der phantastischen Künste statt, die Imaginales. Dieses Jahr wurde das Konzept eingeführt, dass von nun an immer ein Gastland im Mittelpunkt stehen soll, so ähnlich, wie das die Frankfurter Buchmesse macht, und das erste Gastland war – aus relativ naheliegenden Gründen, wenn man sich mal anschaut, wo auf der Karte Épinal liegt – Deutschland. Das sah so aus, dass mehrere deutsche Autoren eingeladen waren, nämlich (in alphabetischer Reihenfolge) Nina Blazon, Christoph Lode, Kai Meyer – und da, so meinte die Organisatorin des Ganzen, Stéphanie Nicot, dürfe ich auf keinen Fall fehlen, da ich nun schon mal in Frankreich lebe, auch wenn ich von allen den längsten Anreiseweg hatte.

Diesem Argument konnte ich mich nicht verschließen, also ging es am 23.5. ab in die schöne Stadt in den Vogesen. Da mein erster Termin gleich am Abend des ersten Tages war, hieß es um 4 Uhr 30 aufstehen, und so hatte ich schon einen recht langen Tag hinter mir, als ich ankam. Glücklicherweise standen hilfreiche Menschen bereit, um anreisende Festivalgäste am Bahnhof abzufangen und in Autos zu verfrachten, die sie zu ihren Hotels brachten. Ich landete mit einem ebenfalls ermattet wirkenden, schweigsamen Menschen in einen Wagen, bei dem es sich, wie ich nachher herausfand, um niemand anderen als den britischen SF-Autor Alastair Reynolds handelte, dessen Platz im Bücherzelt später nur zwei Stühle von meinem entfernt war. Später, wie gesagt. Erst einmal galt es, herauszufinden, wo der Ort war, an dem ich in knapp dreißig Minuten sein sollte und wie ich mich in der kurzen Zeit dafür frisch machen konnte.

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Das große Problem des Festivals 2013 war der, sagen wir mal, Klimawandel. Man hatte mich schon einmal nach Épinal eingeladen, vier Jahre zuvor, und ich erinnerte mich an warme, sonnige Tage, einen lichtdurchfluteten Stadtgarten (in dem das Festival stattfindet, in Zelten und „Magic Mirrors“, einer Art entzückenden Mischung aus Zirkuszelt und Varietebühne). Ich erinnerte mich, dass ich damals ein Hotelzimmer unterm Dach hatte, in das den Tag über die Sonne derart hineinbrazzelte, dass ich abends Mühe hatte, es auf eiweißverträgliche Temperaturen herabzukühlen, und ich erinnerte mich lebhaft, wie ich am letzten Tag, dem Sonntag, von der Brücke aus zugesehen hatte, wie sich die Jugend der Stadt lustige Rennen mit Wildwasserkanus im Fluss lieferte.

Nichts dergleichen fand ich diesmal vor. Zwar hatte ich auch wieder ein Hotelzimmer unterm Dach, wenn auch in einem anderen (und schöneren) Hotel, doch es war die ganze Zeit, um es unumwunden zu sagen, arschkalt. Meistens regnete es auch. Die Hälfte meines wetteroptimistisch gepackten Koffers war nicht zu gebrauchen, und vom Rest musste ich alles auf einmal anziehen, um die Tage zu überstehen. (Den anderen ging es übrigens ähnlich.) „Nett“ war es dann, morgens in der Zeitung zu lesen, dass sich die Vogesen und Süddeutschland die zweifelhafte Ehre teilten, die momentan kälteste Region Europas zu sein; selbst aus Schweden wurden Temperaturen über 20° vermeldet.

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Trotzdem waren die vier Tage in Épinal eine tolle Zeit, an die ich gerne zurückdenke. Es war toll, mal relativ ausführlich Gelegenheit zu haben, mit den Kollegen zu plaudern, mit denen aus Deutschland wie mit denen von anderswoher. Es war toll, dass die Festivalbesucher trotz des Wetters in Scharen kamen, und toll war auch, was die Veranstalter an Schabernack organisiert hatten, um das zu tun, was ja Aufgabe der phantastischen Künste ist: die Menschen zum Staunen zu bringen. Immer wieder wanderten höchst merkwürdige Gestalten durch die Gänge – Feen, Vampire, Zeitreisende und zum Beispiel jene, die man auf dem Foto sieht, die schon ziemlich gruselig daherkamen. Und während wir Autoren in unseren dicksten Kitteln dasaßen, ließen sich die Bodypainter und insbesondere deren „Untergründe“ nicht davon abhalten, Menschen in skurrile, vorwiegend mit Farbe bekleidete Phantasiewesen zu verwandeln, zum allgemeinen Amüsement. Ja, und natürlich gab es Ausstellungen und Podiumsdiskussionen und Buchvorstellungen und so weiter, genug, dass ich kaum dazu kam, einen Rundgang zu machen, um jeden Stand zumindest einmal flüchtig gesehen zu haben. Romane stehen im Mittelpunkt des Festiavsl, ein zweiter Schwerpunkt sind Comics – aber daneben gibt es auch alles mögliche andere, Malerei, Skulpturen, Mode, Schmuck und und und. Dies sei erwähnt für den Fall, dass sich jemand jetzt fragt, ob die Imaginales eine Reise wert sind: Meiner Meinung nach ja!