Lesereisenabenteuer

Besoffen auf Bahngleisen

Man stellt an die Bahn höhere Ansprüche hinsichtlich Pünktlichkeit als an jedes andere Verkehrsmittel. Zwanzig Minuten zu spät mit dem Auto? Na ja, da war eben ein Stau auf der Autobahn, da kann man nichts machen. Zwanzig Minuten zu spät mit der Bahn? Katastrophe, unerträglich, da sieht man mal wieder. Zwanzig Minuten zu spät mit dem Flugzeug? Das kommt gar nicht vor. Wenn ein Flugzeug zu spät kommt, dann gleich um zwei Stunden. Oder sechs. Oder acht. Und das Gepäck ist dann auch gleich noch verschwunden und taucht erst zwei Tage später wieder auf. Aber da sagt trotzdem keiner was. (Wahrscheinlich, weil man beim Fliegen immer froh ist, überhaupt heil wieder runtergekommen zu sein.)

Jedenfalls: Die Weiterfahrt des Zuges verzögere sich "wegen einer Schienenstörung", erfuhr man kurz vor Essen. Was denn eine Schienenstörung sei, fragte ich den Zugbegleiter, als der meine Fahrkarte knipste. Mein Bild war das sich in Metallkrämpfen windender Geleise, die jeden Zug kreischend abzuwerfen drohten. Tatsächlich handele es sich, erklärte er mir, um Betrunkene, die sich auf den Geleisen herumtrieben. "Ach so", sagte ich. "Na, das wäre doch interessant zu wissen."

Die nächste Durchsage lautete dann tatsächlich: "Wegen alkoholisierter Personen auf den Bahngleisen hat unser Zug derzeit eine Verspätung von zwanzig Minuten."

Bremen geht früh zu Bett

Ein Schriftsteller auf Reisen: Wieder mal Pech gehabt. Dabei hatte ich mich auf dem Weg in die Buchhandlung eigens nach einem Restaurant mit lesungskompatiblen Öffnungszeiten umgesehen und auch eines gefunden, das "bis 23:00" angab. Aber als die Lesung um 22:30 aus ist und ich dorthin komme - es sind nur ein paar Schritte - sagt mir die Kellnerin bedauernd: Die Küche hat schon Schluss gemacht; es war einfach zu wenig los.

So heißt es wieder mal, mit knurrendem Magen zurück ins Hotel, mit den Erdnüssen und dem Snickers aus der Minibar den schlimmsten Hunger dämpfen und aufs Frühstück hoffen. Und mich ärgern, dass ich nicht wenigstens davor ein Sandwich oder dergleichen gegessen habe. Aber vor einer Lesung habe ich eben oft überhaupt keinen Appetit - und während der Lesung merke ich dann, wie der Magen bei jedem Schluck Wasser revoltiert, als wolle er sagen: "Was soll ich damit? Ich will was Richtiges!"

Die Lesung selber war gut. Ein aufmerksames Publikum, ein angenehmes Ambiente - und die bisher beste Mikrofonanlage dieser Reise, die selbst ein Flüstern noch problemlos bis in die hinterste Reihe hörbar machte.

Schneeflocken gegen Lokomotiven - 1:0

Früher galt die Eisenbahn als das Verkehrsmittel, das noch fährt, wenn sonst nichts mehr geht. Die alten Dampfloks mit den Schneeräumern vorn fingen erst ab 120 cm Schneehöhe an, über Verspätungen nachzudenken - tja, das waren noch Zeiten.

Heute scheint die Bahn das Verkehrsmittel zu sein, das bei Schneefällen als erstes ins Trudeln kommt. Schon bei der Anreise nach Gütersloh - da wurde von dem bevorstehenden Schneefall nur geredet - kam es zu Verspätungen, und heute morgen, als alles weiß war, herrschte das totale Chaos. Im Bahnhof jedenfalls. Auf den Straßen davor fuhren die Autos, als wäre nichts. Und viel war auch nicht, ein leises Rieseln von Schnee, der nur hier und da überhaupt liegenblieb, auf Büschen und Dächern allenfalls. In Lettland würde man bei so einem Wetter noch kurzärmlig gehen, schätze ich. Die spannende Frage ist, was los wäre, wenn noch mal richtiger Winter käme.

Das Wort, das mir dazu einfällt, ist 'hochgezüchtet'. Das heißt: Höchst leistungsfähig, aber nur bei idealen Bedingungen - die kleinste Störung genügt, um alles zusammenbrechen zu lassen.
Ich fürchte, nicht nur die heutige Bahn ist so ein hochgezüchtetes System. In Anbetracht dessen, dass die Krisen (sogar die selbstgemachten) eher mehr werden und eher gravierender, keine gute Diagnose.