10-Punkte-XXX

Über zehn Jahre war ich nun anwaltsfrei im Internet unterwegs. Bis vorgestern. Da kam ein Email von einem Anwalt des Verbands der Technischen Überwachungsvereine e.V., der anmahnte, ich würde dadurch, dass ich in der Bezeichnung meiner Methode "10-Punkte-Text-Überarbeitungs-Vorbereitung" die letzten drei Worte anhand ihrer Anfangsbuchstaben abkürze, unbefugt eine Marke verwenden, die zu verwenden allein den Technischen Überwachungsvereinen zusteht, damit Leser meiner Website irreführen dahingehend, dass sie glauben könnten, ich würde ein Unternehmen des Technischen Überwachungsvereins vertreten oder mit einem solchen kooperieren, und dadurch, dass ich besagte Abkürzung als Synonym für eine Prüfung nach bestimmten Kriterien verwende, eine unzulässige Markenverwässerung bewirken.

Wohlgemerkt: Es war ein durchaus fair und vernünftig gehaltenes Anschreiben. Man wollte nicht gleich Geld, sondern mich tatsächlich nur über die bestehende rechtliche Situation in Kenntnis setzen - und natürlich, dass ich die Abkürzung, die hier nicht genannt werden darf, von meiner Website entferne und für die Zukunft eine entsprechende Unterlassungserklärung abgebe. Die ich inzwischen abgeschickt habe. Insofern komme ich noch einmal glimpflich davon, verglichen mit dem Zinnober, den zum Beispiel ein Klamottenkonzern wie Jack Wolfskin derzeit entfesselt (bei dem ich auch schon mal was gekauft habe, was ich aber bestimmt nie wieder tun werde!).

Dennoch ärgert mich die Sache. Mich ärgert ein "Rechts"system, das so etwas wie gesunden Menschenverstand nicht mehr kennt und die Leute dazu zwingt, zu heucheln. Denn natürlich glaubt der Anwalt des Technischen Überwachungsvereins nicht wirklich, dass mein kleiner Artikel eine Bedrohung der Marke darstellt - aber er muss so tun, als glaube er das ernsthaft, weil er befürchten muss, ein Anwalt einer anderen Partei könnte in einem anderen Streitfall einen Richter dazu bringen, so zu tun, als glaube er das ernsthaft. So ist der Inhaber einer eingetragenen Marke tatsächlich gezwungen, gegen alles vorzugehen, was man - und sei es an den Haaren herbeigezogen - als Missbrauch seiner Marke interpretieren könnte, weil er sonst irgendwann nicht mehr gegen tatsächlichen Missbrauch vorgehen kann (falls sich unter meinen Lesern ein Anwalt für Markenrecht befindet: ich würde mich über fachliche Kommentare hierzu freuen!). So machen alle einander etwas vor, und das heißt dann Rechtswesen.

Aber ist das Denken, das hinter dieser Art der Handhabung des Markenrechts steht, nicht von Grund auf verkehrt? In gewisser Weise ist für einen Autor der eigene Name ja auch so etwas wie eine Marke, die auch einen gewissen Wert darstellt. Und natürlich könnte ich es nicht dulden, dass irgendjemand seinen eigenen Roman unter meinem Namen herausbringt, oder dass er meinen Namen in seine Web-Domain einbaut in der Hoffnung, damit mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. So etwas habe ich in meinem Artikel mit der Verwendung jener Abkürzung, die nicht genannt werden darf, aber auch nicht gemacht! Was ich gemacht habe, entspräche dem, wenn irgendwo irgendein Autor beworben würde mit einem Spruch wie "Der Eschbach des Kriminalromans". Oder "Der französische Eschbach". Ich müsste schön bescheuert sein, wenn ich auf Leute, die mich auf diese Weise "zum Referenzmaßstab erheben", Anwälte hetzen würde (bei jedem Vergleich gilt: Es ist immer besser, man ist das Original!). Oder man stelle sich folgende Zeile großformatig in einer Anzeige in der New York Times, Literaturbeilage, vor: "Ben Drown is America's Andreas Eschbach!". Wäre das nicht besser als der Nobelpreis? Aber hallo - das wäre besser als zwei Nobelpreise!

In den allgemeinen Sprachgebrauch überzugehen ist (lässt man die diesbezüglichen Perversionen des Rechtsunwesens außer Betracht) das Beste, was einem passieren kann. In Deutschland weiß jeder, dass "Tempo" ein Papiertaschentuch ist, "Tesa" ein Klebstreifen, "Leitz" ein Aktenordner und "Nutella" eine Schokoladencreme. Das weiß man nicht nur, sondern dadurch, dass sich diese Bezeichnungen allgemeines Sprachgut sind, werden die zugehörigen Produkte im allgemeinen Bewusstsein als "die" Produkte ihrer Gattung empfunden: Was mehr kann man erreichen? Das ist eine Position, die einer Erdumlaufbahn entspricht - man muss sich schon anstrengen, um wieder herunterzufallen.

Da sich die Methode der "10-Punkte-Text-Überarbeitungs-Vorbereitung" seit ihrer Erstveröffentlichung in Autorenkreisen großer Beliebtheit erfreut, an dieser Stelle der Ratschlag an alle, die entsprechende Links, Blog-Einträge oder Beschreibungen auf ihren eigenen Webseiten verfasst haben, diese entsprechend abzuändern. Ähnliche Umsicht sollte auch eventuellen Seminarunterlagen und dergleichen gelten (Ausdrucke, die man sich über den Schreibtisch gehängt hat, sind unproblematisch). Ich werde künftig die Abkürzung "10-Punkte-Text-ÜV" (weiblich übrigens: die ÜV!) oder "10-Punkte-Text-ÜV-Methode" verwenden und schlage als entsprechendes Verb - also das Wort für die Tätigkeit, einen Text für die eigentliche Überarbeitung vorzubereiten - das Kunstwort "üven" vor (ich üve, du üvst... ich üvte meinen Text... "Üv deine Story erst mal!"... usw.)

Mit meinem Auto bin ich übrigens schon immer zur DEKRA gegangen. (Ja, gibt's auch in Frankreich.) Und irgendwie... ist mir das jetzt eine kleine Genugtuung.